Marktwirtschaft

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Marktwirtschaft
Kapitalismus

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Markt|wirt|schaft ['marktv…™rt Éaft], die; -, -en:
Wirtschaftssystem, in dem die Produktion und Verteilung von G√ľtern durch den Markt gesteuert wird:
eine freie, soziale Marktwirtschaft.

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MaŐ£rkt|wirt|schaft ‚Ć©f. 20; unz.; Wirtsch.‚Ć™ Wirtschaft, die von Angebot u. Nachfrage auf dem Markt bestimmt wird; Ggs Planwirtschaft ‚óŹ soziale \Marktwirtschaft Marktwirtschaft, die im Interesse der sozialen Gerechtigkeit gewissen Beschr√§nkungen unterliegt

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MaŐ£rkt|wirt|schaft, die (Wirtsch.):
auf dem Mechanismus von Angebot u. Nachfrage u. der Grundlage privatwirtschaftlicher Produktion beruhendes Wirtschaftssystem:
freie M.;
soziale M. (Marktwirtschaft, bei der der Staat zur Minderung sozialer H√§rten u. zur Sicherung des freien Wettbewerbs eingreift; 1947 gepr. von dem dt. National√∂konomen u. Soziologen A. M√ľller-Armack, 1901‚Äď1978).

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Marktwirtschaft,
 
eine Wirtschaftsordnung, in der tauschwirtschaftliches (im Gegensatz zur Haus- und Subsistenzwirtschaft) Handeln der Wirtschaftssubjekte (Haushalte, Unternehmen), die prinzipiell miteinander konkurrieren (sollen), Produktion, Zirkulation und Verteilung bestimmt. Begrifflich leitet sich Marktwirtschaft vom Markt her. In der Marktwirtschaft sind alle M√§rkte (G√ľter-, Geld-, Kapital-, Arbeitsm√§rkte) miteinander verflochten. Ihre Verkn√ľpfung muss nicht nur im physischen Sinn durch Transport- und Informationswege gew√§hrleistet sein, sondern setzt einen Tauschwert- beziehungsweise Preisvergleich der auf den jeweiligen M√§rkten gehandelten Waren oder Aktiva und somit Geld voraus. Marktwirtschaft kann daher auch als eine Wirtschaftsordnung definiert werden, in der die Ware-Geld-Beziehungen das sozial√∂konomische System bestimmen und die wirtschaftlichen Entscheidungen koordinieren.
 
Als Koordinationsmechanismus ist die Marktwirtschaft mit unterschiedlichen politischen Systemen vereinbar. Marktwirtschaft schlie√üt totalit√§re politische Systeme wie z. B. den Nationalsozialismus nicht aus. Umgekehrt k√∂nnen demokratische Staaten sich planwirtschaftlicher Koordination bedienen, m√ľssen dann allerdings Wirtschaftsfreiheit im Sinne des klassischen Wirtschaftsliberalismus erheblich beschr√§nken. Ob die Marktwirtschaft mit verschiedenen Eigentumsformen (Privateigentum an Produktionsmitteln, genossenschaftliches Eigentum, Staatseigentum) dauerhaft vereinbar ist, l√§sst sich nicht eindeutig beurteilen. Historisch ist die Marktwirtschaft unter kapitalistischen Verh√§ltnissen (Kapitalismus) entstanden. Daher setzte sich Marktwirtschaft als polit√∂konomischer Schl√ľsselbegriff erst in der 2. H√§lfte des 20. Jahrhunderts durch und wird gegen√ľber der Bezeichnung Kapitalismus erst von da an regelm√§√üig lexikalisch verzeichnet.
 
 Wesensmerkmale der Marktwirtschaft
 
Charakteristisch f√ľr eine Marktwirtschaft ist die Vielzahl dezentraler, relativ frei und unabh√§ngig getroffener autonomer Entscheidungen der Wirtschaftssubjekte, die M√∂glichkeit, das Selbstinteresse in individuellem wirtschaftlichen Handeln zur Geltung zu bringen, sowie die Orientierung an den durch Angebots- und Nachfrageentscheidungen gebildeten Marktpreisen (Preis). Die tauschwirtschaftlich bestimmten Sozialbeziehungen stimulieren zu leistungsgerichtetem Verhalten (Leistungswettbewerb) im Sinne eines gr√∂√ütm√∂glichen Nutzens beziehungsweise Gewinns aus der marktbezogenen Aktivit√§t, und es ergeben sich Knappheitspreise, bei denen allerdings externe Effekte (z. B. Umweltzerst√∂rung) nicht ber√ľcksichtigt werden. Leistung bemisst sich vielfach am Markterfolg, und die unterschiedlichen Marktergebnisse der Wirtschaftssubjekte gelten als Ausfluss von Leistungsf√§higkeit und Leistungsbereitschaft.
 
Die Marktwirtschaft bietet dem einzelnen Wirtschaftssubjekt Gewinnchancen, setzt es aber zugleich Verlustrisiken aus. Wirtschaftliches Handeln ist in der Marktwirtschaft daher f√ľr das Individuum mit Unsicherheit verbunden. Versuche, die Unsicherheit zu vermindern, v. a. aber sozialethisch inakzeptable Folgen aus dem Verlustrisiko (z. B. Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidit√§t) zu unterbinden, haben in allen Marktwirtschaften soziale Sicherungssysteme unterschiedlichen Ausma√ües hervorgebracht (Sozialversicherung).
 
Die Koordination der arbeitsteilig aufeinander bezogenen Wirtschaftssubjekte erfolgt in der Marktwirtschaft √ľber M√§rkte durch frei vereinbarte Vertr√§ge. Vertragsfreiheit und Rechtsstaatlichkeit bilden notwendige Voraussetzungen der Marktwirtschaft; die Vertragsfreiheit muss jedoch von der Rechtsordnung beschr√§nkt werden, um Missbrauch von Marktmacht, z. B. durch Preiskartelle, zu unterbinden. Der unbeschr√§nkte Wettbewerb bleibt nur erhalten, wenn er durch eine entsprechende Wettbewerbspolitik gesichert wird, da die Konkurrenzwirtschaft zur Selbstzerst√∂rung durch Unternehmenskonzentration, Monopolbildung und Kartellierung tendiert. Den Gegensatz zur Marktwirtschaft bildet die Planwirtschaft, in der die Koordination auf Planvorgaben (Direktiven) und zentraler Preisfestlegung durch die hierarchisch strukturierte Planungsb√ľrokratie beruht.
 
Marktwirtschaft ist der Planwirtschaft insofern √ľberlegen, als sie eher Knappheitspreise gew√§hrleisten kann, die die Nachfragepr√§ferenzen und das prinzipiell begrenzte Angebot an G√ľtern beziehungsweise Produktionsfaktoren zu einer Informationsgr√∂√üe verdichten, die zur Selbststeuerung des Wirtschaftsprozesses in Richtung einer effizienten Ressourcenverwendung (Allokation), das hei√üt zur bestm√∂glichen Realisierung des Wirtschaftlichkeitsprinzips erforderlich ist (statische Effizienz). Wichtiger noch ist die dynamische Effizienz der Marktwirtschaft, das hei√üt die F√∂rderung von wachstums- und wohlstandswirksamen Innovationen; denn ein Unternehmer, der Innovationen durchsetzt, erzielt vor√ľbergehend Monopolgewinne, w√§hrend er die sozialen Kosten des ausgel√∂sten Strukturwandels nicht zu zahlen braucht.
 
 Wichtige Theorien der Marktwirtschaft
 
Die empirische und theoretische Analyse wesentlicher Elemente einer Marktwirtschaft findet sich bereits vor Beginn unserer Zeitrechnung, und zwar nicht nur in der antiken Philosophie (Aristoteles), sondern auch in au√üereurop√§ische Kulturen, so etwa in der altchinesischen staatstheoretischen Schrift ¬ĽGuanzi¬ę aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. Im Mittelpunkt stand die Frage nach dem angemessenen Preis als einkommensbestimmender Gr√∂√üe und den politischen Voraussetzungen, die ihn gew√§hrleisten. Diese normative Sichtweise kehrt in der Er√∂rterung des gerechten Preises (¬Ľjustum pretium¬ę bei Thomas von Aquino) wieder und bleibt seitdem eine unl√∂sbare sozialethische Frage.
 
Der Wirtschaftsliberalismus (Liberalismus) ersetzte die Frage nach dem gerechten Preis durch die Theorie des freien Wettbewerbs und der Konkurrenzpreisbildung (A. Smith, D. Ricardo, Preistheorie), die bereits zuvor u. a. von den Kameralisten J. J. Becher und J. H. G. von Justi rudiment√§r er√∂rtert worden war. Justi bestimmte den ¬Ľrichtigen¬ę Marktpreis als jenen, der sich in einem st√∂rungsfreien, das hei√üt von monopolistischen und wettbewerbswidrigen staatlichen Regulierungen freien Marktprozess von selbst bildet.
 
Eine systematische Theorie der Marktwirtschaft entstand seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts mit der klassischen National√∂konomie. Auf der Grundlage des Naturrechts und metaphysisch am Deismus orientiert, interpretierte Smith die Marktwirtschaft als ein ¬ĽSystem der nat√ľrlichen Freiheit¬ę, in dem - unbeschr√§nkte Konkurrenz vorausgesetzt - das vom Selbstinteresse geleitete Handeln der Individuen wie durch eine ¬Ľunsichtbare Hand¬ę zu einem sozial√∂konomischen Optimalzustand gelenkt wird. In dem nach J. B. Say benannten sayschen Theorem wird ein logisches Konstrukt der krisenfreien, zum Vollbesch√§ftigungsgleichgewicht strebenden Marktwirtschaft vorgestellt, das in der Neoklassik u. a. durch L. Walras mathematisch formuliert wird und die Grundlage der insbesondere durch K. J. Arrow und G. Debreu weiterentwickelten allgemeinen Gleichgewichtstheorie bildet.
 
Die radikalen Verfechter der Marktwirtschaft (u. a. L. von Mises, F. A. von Hayek, M. Friedman) und die von ihnen vertretenen Denkrichtungen (Chicago-Schule, Monetarismus) verwerfen jede staatliche Intervention (Interventionismus) als Krisen erzeugende und die marktwirtschaftliche Effizienz vernichtende St√∂rung und fordern demgegen√ľber, die freie Spontaneit√§t der Wirtschaftssubjekte im ¬ĽWettbewerb als Entdeckungsverfahren¬ę (Hayek) sich unbehindert entfalten zu lassen. Staatliches Handeln beschr√§nkt sich dann auf den Rechtsschutz (J. M. Buchanan) in der vom Privatinteresse beherrschten Gesellschaft. Die historische Erfahrung der Selbstzerst√∂rung des Wettbewerbs durch konkurrenzwirtschaftliches Laisser-faire f√ľhrt in dem von W. Eucken und W. R√∂pke begr√ľndeten Ordoliberalismus (Neoliberalismus) zu einer dualistischen Ordnungstheorie, in der die durch sieben konstituierende und vier regulierende Prinzipien (Eucken) definierte (freie) Verkehrswirtschaft der Zentralverwaltungswirtschaft gegen√ľbergestellt wird.
 
Die ordoliberale Ordnungstheorie bildet zwar eine Vorgabe des von A. M√ľller-Armack vorgelegten theoretischen Entwurfs und der von L. Erhard wirtschaftspolitisch anvisierten Verwirklichung der sozialen Marktwirtschaft, diese stellt aber doch eine selbstst√§ndige Ordnungskonzeption dar, die als dritter Weg zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und sozialistischer Planwirtschaft gemeint war. Sowohl durch die normative Gleichbewertung von Marktwirtschaft und Sozialstaatlichkeit als auch durch den gegen√ľber historischen Ver√§nderungen offenen wirtschaftspolitischen Pragmatismus der Theorie der sozialen Marktwirtschaft erweist sich dieses Ordnungskonzept breitem gesellschaftlichen Konsens zug√§nglich und zielt auf eine Frieden stiftende Funktion, indem das Prinzip der Freiheit auf dem Markt mit dem des sozialen Ausgleichs verbunden werden soll (irenische Formel nach M√ľller-Armack).
 
Die pragmatische Offenheit des Ordnungsentwurfs der sozialen Marktwirtschaft erlaubt es, krisentheoretische Kritik am Gleichgewichtsdogma der Marktwirtschaft aufzunehmen und wirtschaftspolitisch zu integrieren. Ein Beispiel daf√ľr ist die Globalsteuerung und das ihr zugrunde liegende Stabilit√§tsgesetz von 1967. Wegen seiner ideologischen Anziehungskraft auf breite W√§hlerschichten besteht aber auch die Tendenz, die Bezeichnung soziale Marktwirtschaft f√ľr jedwede Wirtschaftspolitik zu benutzen.
 
Andererseits wurde theoretisch u. a. von O. R. Lange und Frederick Manville Taylor (* 1855, ‚úĚ 1932) mit dem Konzept des Konkurrenzsozialismus sowie empirisch in der sozialistischen Marktwirtschaft (z. B. Jugoslawien, Ungarn) der Versuch unternommen, die Vertr√§glichkeit der Marktwirtschaft als Koordinationsmechanismus, der dezentrale Entscheidungen und autonome Disposition der Marktteilnehmer √ľber die verf√ľgbaren Eigentumsrechte zul√§sst, mit sozialistischen Eigentumsverh√§ltnissen zu belegen.
 
 Geschichtliche Entwicklung
 
Die moderne Marktwirtschaft entstand im historischen Zusammenhang mit dem neuzeitlichen Kapitalismus in Europa. Aus dieser geschichtlichen Symbiose resultierte die industrielle Revolution und der bisher einmalige Wachstumsprozess seit Mitte des 18. Jahrhunderts. Der Kapitalismus bezog nach und nach mehr und mehr Lebensbereiche in den tausch- beziehungsweise marktwirtschaftlichen Mechanismus ein und pr√§gte die gesellschaftlichen Denk- und Verhaltensmuster gem√§√ü tauschwirtschaftlicher Rationalit√§t (z. B. Kommerzialisierung des Freizeit- und Mu√üeverhaltens, Kulturg√ľter als Spekulationsobjekte, Verwertungsorientierung im Bildungs- und Wissenschaftssystem). Die Wirtschaft, die traditionell als gesellschaftliches Teilsystem dem sozialen Gesamtsystem untergeordnet war, erhielt mit der kapitalistischen Expansion die dominierende Stellung. Damit gewannen die Prinzipien und Gesetzm√§√üigkeiten der Marktwirtschaft die Bedeutung von Orientierungsmustern auch f√ľr au√üerwirtschaftliche Sozialbeziehungen. Beispielsweise wird von A. Downs mit R√ľckgriff auf die Demokratietheorie von J. A. Schumpeter der politische Prozess demokratischer Systeme als Stimmenmaximierungsverhalten in Analogie zur wirtschaftlichen Gewinnmaximierung interpretiert. In der Soziologie finden sich neoklassisch inspirierte Deutungen der zwischenmenschlichen Beziehungen als Ausdruck tauschwirtschaftlichen Kalk√ľls. Die gleichzeitige Entwicklung von Kapitalismus und Marktwirtschaft f√∂rderte die Tendenz, den soziokulturellen Gesamtzusammenhang den f√ľr die Marktwirtschaft charakteristischen Prinzipien zu unterwerfen. Geographisch und sozial√∂konomisch ausgreifende Dynamik wird der Marktwirtschaft gerade auch von ihren Kritikern - etwa K. Marx - als herausragende historische Eigenart zugesprochen. Der europ√§ische Kolonialismus seit dem 16. Jahrhundert und der Imperialismus des 19. Jahrhunderts gelten in den √∂konomischen Imperialismustheorien (Imperialismus) als Folge einer immanenten Ausbreitungstendenz kapitalistischer Konkurrenz. Der revolution√§re √úbergang von der traditionellen europ√§ischen Gesellschaft zur kapitalistischen Marktgesellschaft (Karl Polanyis [* 1886, ‚úĚ 1964] ¬Ľgro√üe Transformation¬ę) bildet die Voraussetzung des auf Effizienzsteigerung gegr√ľndeten modernen Fortschrittsbegriffs. Im technisch-wirtschaftlichen Fortschritt wird so auch die herausragende Leistung und die Legitimit√§t der Marktwirtschaft gesehen.
 
 Marktwirtschaft als gemischte Wirtschaftsordnung
 
In der Praxis existierten und existieren verschiedene konkrete Auspr√§gungen der Marktwirtschaft, die sich unterscheiden durch die Auspr√§gung der Eigentumsverh√§ltnisse, das Ausma√ü und die Formen staatlicher Intervention, die jeweils vorrangig verfolgten wirtschafts-, sozial- und gesellschaftspolitischen Zielsetzungen sowie durch die Kombination aus Marktsteuerung auf der Mikroebene und l√§ngerfristig ausgelegten (strukturellen) Planungen auf der Makroebene. Die franz√∂sische Planification mit indikativer Makroplanung, das ¬Ľschwedische Modell¬ę mit der Betonung des Vollbesch√§ftigungsziels und der sozialen Sicherheit, der ¬ĽAustrokeynesianismus¬ę mit der Sozialpartnerschaft als einkommenspolitischer Institution, der ¬Ľkapitalistische Entwicklungsstaat¬ę Japans, das durch ein hohes Ma√ü an Deregulierung gekennzeichnete ¬Ľamerikanische Modell¬ę und die soziale Marktwirtschaft in Deutschland sind Beispiele f√ľr die Bandbreite der konkreten Formen von Marktwirtschaft. In allen diesen Wirtschaftssystemen mit vorherrschend kapitalistischen Eigentumsverh√§ltnissen finden sich gro√üe Bereiche, in denen Staatseigentum, genossenschaftliches Eigentum oder auch Mischformen vorherrschen.
 
Gemischte Ordnungen widerspiegeln Ergebnisse historischer Entwicklungen und die sie bestimmenden politischen Auseinandersetzungen. Zwei miteinander verbundene geschichtliche Entwicklungen sind v. a. f√ľr die Entstehung der Mischsysteme bestimmend: die sozialen Bewegungen und die Durchsetzung der Massendemokratie mit allgemeinem und gleichem Wahlrecht. Die relativ erfolgreichen Aktionen der Arbeiterbewegung und der Gewerkschaften, die sich im 19. Jahrhundert gegen die Macht der Kapitaleigner das Koalitionsrecht und damit den Ausschluss des Preiswettbewerbs untereinander sowie das Streikrecht erk√§mpften, sowie die Wirtschafts- und Sozialpolitik der auf W√§hlermehrheiten angewiesenen demokratischen Regierungen modifizierten die Marktwirtschaft. Erst dadurch wurde das wirtschaftlich-technische Leistungspotenzial einer auf Privateigentum an den Produktionsmitteln basierenden Marktwirtschaft in gesellschaftlichen Fortschritt und breiten Wohlstand umgesetzt sowie die von der klassischen National√∂konomie und Marx abgeleitete Tendenz des Lohnniveaus, sich am Existenzminimum zu orientieren, aufgehoben. Auch andere wesentliche gesellschaftliche Probleme (z. B. Umweltschutz, sozial gerechtere Verteilung, Ber√ľcksichtigung der Interessen der Dritten Welt und k√ľnftiger Generationen) lassen sich nicht l√∂sen, ohne dass der Staat - auch gegen die (kurzfristigen) Interessen der Produzenten - in die Marktsteuerung eingreift.
 
In dem Ma√üe, in dem das technisch-wirtschaftliche Wachstum an naturbedingte Grenzen st√∂√üt (Club of Rome, J. Fourasti√©) und die mit der G√ľterproduktion verbundenen negativen externen Effekte die wachstumsabh√§ngigen Wohlstandsgewinne aufzehren oder gar √ľbersteigen, kann die Marktwirtschaft als effizienter Koordinationsmechanismus nur √ľberdauern, wenn es der Wirtschaftpolitik gelingt, einen Rahmen zu setzen, in dem die externen Kosten internalisiert, das hei√üt in die einzelwirtschaftliche Kosten- und Preisrechnung einbezogen werden. Die Bedeutung dieser √∂kologischen Aspekte kommt auch in der Forderung nach einer √∂kosozialen Marktwirtschaft zum Ausdruck.
 
Ein weiteres zentrales Problem, das in vielen Marktwirtschaften trotz der M√∂glichkeiten staatlicher Wirtschaftspolitik nicht gel√∂st ist, stellt die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit dar. Kontrovers wird gegenw√§rtig die Frage diskutiert, in welchem Ma√üe v. a. die globale Verflechtung und Vernetzung der Wirtschaft, die von einer weltweiten Liberalisierung der G√ľter- und Finanzm√§rkte begleitet ist, f√ľr die Friktionen auf den Arbeitsm√§rkten verantwortlich ist. Unstrittig ist, dass die nationalen Volkswirtschaften durch die Globalisierung unter einen erheblichen Anpassungsdruck geraten und dass ein weitgehender Strukturwandel sowie eine erh√∂hte Flexibilit√§t der Marktwirtschaft erforderlich sind. Die Vorstellung der neoklassischen Wirtschaftstheorie, dass eine deregulierte, freie Marktwirtschaft quasinaturgesetzlich einen Optimalzustand herbeif√ľhrt, in dem u. a. die Ziele des ¬Ľmagischen Dreiecks¬ę automatisch, durch Selbststeuerung der Marktwirtschaft, erreicht werden, ist mit der empirischen Erfahrung schwer vereinbar und von National√∂konomen anderer Denkrichtung (T. R. Malthus, S. de Sismondi, Marx, J. M. Keynes) stets bestritten worden.
 
Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie v. a. auch in den folgenden Artikeln:
 
Arbeitslosigkeit ¬∑ Armut ¬∑ Eigentum ¬∑ Gewerkschaften ¬∑ Individualismus ¬∑ Inflation ¬∑ Konjunktur ¬∑ Lebensqualit√§t ¬∑ Leistungsgesellschaft ¬∑ Manchestertum ¬∑ Planwirtschaft ¬∑ politische √Ėkonomie ¬∑ Sozialpolitik ¬∑ Wachstum ¬∑ Wettbewerb ¬∑ Wirtschaftsordnung ¬∑ Wirtschaftspolitik ¬∑ Wirtschaftssystem ¬∑ Wohlstand
 
 
O. Lange u. F. M. Taylor: On the economic theory of socialism (Minneapolis, Minn., 1939, Nachdr. New York 1970);
 F. A. von Hayek: Der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren (1968);
 F. A. von Hayek: Individualismus u. wirtschaftl. Ordnung (a. d. Engl., Salzburg 21976);
 W. Röpke: Jenseits von Angebot u. Nachfrage (Bern 51979);
¬†A. M√ľller-Armack: Genealogie der sozialen M. (Bern 21981);
 B. Csikós-Nagy: Sozialist. M. (a. d. Ungar., Wien 1988);
 H. Leipold: Wirtschafts- u. Gesellschaftssysteme im Vergleich (51988);
 
Soziale M. - sozialist. Planwirtschaft, hg. v. H. Hamel (51989);
 J. Heubes: M. Eine problemorientierte u. systemat. Einf. in die Volkswirtschaftslehre (1992);
 
√Ėkonomie u. √Ėkologie. Ans√§tze zu einer √∂kologisch verpflichteten M., hg. v. M. von Hauff u. Uwe Schmid (1992);
 K. G. Zinn: Soziale M. (1992);
 
Hb. M., hg. v. R. Vaubel u. H. D. Barbier (21993);
 
Gesch. der Wirtschaftspolitik. Vom Merkantilismus zur sozialen M., hg. v. R. H. Tilly u. a. (1993);
 H. Lampert: Die Wirtschafts- u. Sozialordnung der Bundesrep. Dtl. (121995);
 G. Maier-Rigaud: Schritte zur ökolog. M., (1997);
 
50 Jahre soziale M., hg. v. D. Cassel (1998);
 P. Thuy: Sozialstaatprinzip und M. (Bern u. a. 1999);
 
Zukunftsverantwortung in der M., hg. v. T. Bausch (2000);
 S. Rauhut: Soziale M. u. parlamentar. Demokratie (2000);
¬†M. B√ľscher: M. u. kontextuelle √Ėkonomie (2000);
¬†A. K. Sen: √Ėkonomie f√ľr den Menschen: Wege zu Gerechtigkeit u. Solidarit√§t in der M.(a. d. Engl., 2001).
 
Hier finden Sie in √úberblicksartikeln weiterf√ľhrende Informationen:
 
Marktwirtschaft: Grundz√ľge und Grundprobleme
 
Wirtschaftsordnung: Grundz√ľge von Wirtschaftsordnungen
 
Wirtschaftsordnung: Systeme zwischen Markt und Plan
 
Wirtschaftsordnung: Planwirtschaft und Marktwirtschaft
 

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MaŐ£rkt|wirt|schaft, die (Wirtsch.): auf dem Mechanismus von Angebot u. Nachfrage u. der Grundlage privatwirtschaftlicher Produktion beruhendes Wirtschaftssystem: freie M.; soziale M. (Marktwirtschaft, bei der der Staat zur Minderung sozialer H√§rten u. zur Sicherung des freien Wettbewerbs eingreift; 1947 gepr. von dem dt. √Ėkonomen u. Soziologen A. M√ľller-Armack, 1901-1978); In der M. regeln Angebot und Nachfrage den Preis (Gruhl, Planet 235); setzt Montenegros heutiger Pr√§sident seit langem auf das westliche Konzept einer Verbindung von parlamentarischer Demokratie und M. (taz 6. 4. 99, 7).

Universal-Lexikon. 2012.

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